Interview mit F. Paul Wilson (Virus 14/2006, www.virus.raptor.de)
F. Paul Wilson ist preisgekrönter Autor diverser internationaler Bestseller. Als praktizierender Arzt zählen Medizin-Thriller und Mystery-Shocker zu seinen bevorzugten Genres. Zu seinen besten Werken zählen die Handyman-Jack Romane und die sechs Horrorromane des ADVERSARY-ZYKLUS, die demnächst erstmals in deutscher Sprache im FESTA VERLAG erscheinen. In den USA sind die ersten beiden Bände seit 25 Jahren ununterbrochen im Druck und immer wieder auf den Bestsellerlisten zu finden. Grund genug für VIRUS, sich mit dem Autor über die Entstehung des Zyklus zu unterhalten.
Virus:
Sie haben Ihre erste Kurzgeschichte im Jahre 1970 an den legendären John W. Campbell verkaufen können. Was war das für ein Gefühl?
F. Paul Wilson:
Ich hatte bereits die gesamten Sechziger Jahre damit verbracht, meine SciFi-Storys bei allen möglichen Verlagen einzureichen, den ersten Erfolg habe ich erst 1970 erzielt. Jahrelang erhielt ich Briefe mit der Mitteilung: »Vielen Dank für Ihre Zusendung, aber leider passt Ihre Geschichte nicht zu unserem aktuellen Verlagsprofil.« Ich hätte ganze Wände mit solchen Schreiben tapezieren können. Eines Tages reichte ich meine Story ›The Cleaning Machine‹ bei ANALOG ein und bekam einmal mehr eine Absage von Campbell, diesmal allerdings mit der Begründung, warum er sie nicht annahm. Ich war begeistert. Nicht nur, dass mir der Vater der modernen Science-Fiction persönlich geschrieben hatte, er hatte noch dazu meine Arbeit kommentiert, wofür ich ihn in ewiger Erinnerung behalten werde. Es folgte ein weiteres Jahr, in dem meine Geschichten von ihm abgelehnt wurden, stets mit einer Erläuterung, aus welchem Grund es geschah. Da ich nie eine Schreibausbildung genossen hatte – ich war bis dato immer meinem Bauchgefühl und dem Instinkt gefolgt – waren die Briefe von Campbell wie ein Lehrgang im Geschichtenschreiben für mich. Schließlich, im Frühjahr des Jahres 1970, akzeptierte er meine Geschichte RATMAN und ließ mir einen Scheck über 365 Dollar zukommen – pro Wort einen Nickel. Ich hatte damals gerade mein Medizin-Studium begonnen, meine Frau Mary war schwanger und wir hatten keine Ahnung, wie wir überleben sollten. Den Scheck schien der Himmel zu schicken, wir fielen uns in die Arme und tanzten durch die Wohnung. Seltsam war, dass mich der Scheck ohne irgendeine Art von Kommentar erreichte. Aber das war typisch für Cambell – wenn er dich einmal akzeptiert hatte, dann hatte er dir eigentlich nicht mehr viel zu sagen.
Virus:
DAS KASTELL war ursprünglich als eigenständiger Roman gedacht. Dann jedoch haben Sie sich entschlossen, das Buch zu einem Teil des umfassenden ADVERSARY-Zyklus zu machen. Wann war der Punkt, als sie die Möglichkeit erkannten, alle Bücher miteinander zu verbinden?
F. Paul Wilson:
Die Überlegung einer Verbindung der einzelnen Bücher ist entstanden, als ich am Konzept zu REBORN arbeitete. Vorweg muss ich sagen, dass ich ein Faible für Ideen dieser Art habe. Zukünftige Geschichten oder auch separate Handlungsstränge, die sich im gleichen Umfeld zutragen, beispielsweise in Monroe oder an der Long Island Gold Coast. Allerdings hatte ich nie die Absicht, eine ganze Serie daraus zu machen. Die ersten drei Bücher der Reihe waren als eigenständige Werke angedacht. Völlig unabhängig voneinander. W. M. MORROW lehnte beispielsweise DIE GRUFT ab, weil es ganz anders war als DAS KASTELL. Und THE TOUCH hatte weder mit dem einen, noch mit dem anderen etwas zu tun. Schließlich begann ich mit den Arbeiten an THE CHADHAM CLONE, das auch wieder ein völlig eigenständiges Buch werden sollte. Ich hatte bereits vor einigen Jahren, gleich nach DAS KASTELL, damit begonnen, kam aber irgendwie nicht weiter. (Das erklärt auch die lange Wartezeit zwischen DAS KASTELL und DIE GRUFT.) Es sollte etwas in Richtung ROSEMARY’S BABY oder OMEN werden, allerdings in anderer Form, so, wie man DAS KASTELL zunächst für einen Vampir-Roman halten könnte, was er aber definitiv nicht ist. Ich war auf der Suche nach einem bösen Wesen, allerdings sollte es nicht der gute alte Antichrist sein. Doch wer sonst? Die Antwort lag näher, als ich dachte, ich hatte das Wesen nämlich bereits geschaffen, RASALOM aus DAS KASTELL. Auch den Schauplatz, den ich im Kopf hatte, gab es schon, die Stadt MONROE aus THE TOUCH. Seither war ich fasziniert von der Idee, aus den Elementen dieser beider Bücher und ebenso mit Teilen aus DIE GRUFT ein neues Werk zu schaffen, das mit den anderen korrespondiert. Das hat schließlich so gut geklappt, dass ich vermute, diese Idee bereits beim Schreiben der ersten drei Bücher unterbewusst im Kopf gehabt zu haben. Von da an ging alles ganz schnell. Als Resultat lag ein mehr als 1000 Seiten umfassender Roman vor mir, den natürlich niemand veröffentlichen würde. Ergo machte ich eine Trilogie (REBORN, REPRISAL und NIGHTWORLD) aus dem Ganzen und bot es auf diese Weise an. Noch heute bin ich selbst erstaunt darüber, wie alles zusammengepasst hat. Die gesamte Serie wird nun erstmals in deutscher Sprache im Hause FESTA erscheinen.
Virus:
Sie haben an Romanen, Comics, TV-Drehbüchern, Theaterstücken und PC-Games gearbeitet. Was liegt Ihnen am meisten?
F. Paul Wilson:
Ich mag alles. Das einzige, was ich nicht mag, ist, etwas zu schreiben, was ich zuvor schon geschrieben habe. Mein Motto war schon immer: Schreib ein weiteres Buch, und zwar die Geschichte, die bereit ist, erzählt zu werden. Das hat mich zum Genre-Hopper gemacht, was nicht besonders karrierefördernd ist für einen Autor der modernen Verlagskultur. Die Verleger scheinen sich hier am guten alten Cheerleader-Chant zu orientieren: “Let’s have another one, just like the other one!” Wer weiß, vielleicht wäre mein Name inzwischen in aller Munde, wäre ich den Konventionen der Verleger gefolgt, aber das bin ich nun mal nicht. Dennoch hatte ich Bestseller, und danach auch wieder Bücher, die weniger erfolgreich waren. Das SLATE-Magazin betitelte mich kürzlich als Kult-Autor. Vielleicht haben sie Recht.
Virus:
Wie beurteilen Sie die Zukunft des Print-Mediums?
F. Paul Wilson:
Sicherlich haben diverse andere Medien einen Teil der konventionellen Buchleser für sich gewinnen können, dennoch denke ich, dass es für das gedruckte Wort immer ein Publikum geben wird, und sei es auf einem E-Book-Screen. Das jüngere Publikum mag sich nicht so für Bücher interessieren, aber ich glaube fest daran, dass es immer einen gewissen Prozentsatz an Menschen geben wird, der lieber ein Buch liest und die Bilder in seinem Kopf entstehen lässt, als sie sich von Game-Designern oder Regisseuren vorgeben zu lassen.
Virus:
1983 wurde Ihr Buch DAS KASTELL verfilmt und das nicht besonders gut. Es ist kein Geheimnis, dass Sie das Ergebnis hassen. Wie hätten Sie das Thema verfilmt?
F. Paul Wilson:
Natürlich würde ich am liebsten selbst das Drehbuch schreiben, wenn ich aber ehrlich zu mir selbst bin, bezweifle ich, dass ich dabei gute Arbeit leisten würde. Craig Spector hat ein exzellentes Script zu DIE GRUFT (noch in Arbeit) geschrieben und Chris Morgen hat es genial überarbeitet. Nun warte ich noch darauf, was David Schow (schrieb u.a. das Drehbuch für THE CROW, Anmerkung von Thomas Höller) daraus macht. Was den Regisseur betrifft... Ich denke, Ridley Scott würde einen Killer-Film daraus zaubern. Beeindruckt war ich auch von Doug Limans BOURNE IDENTITY. Und die Darsteller? Keine Ahnung, wie wäre es mit einer Albtraum-Besetzung? Adam Sandler als Glaeken, Will Ferell als Woermann, Queen Latifah als Magda, Ben Stiller als Kaempfer und Danny DeVitto als Rasalom? (Oh, mein Gott, ruft meinen Arzt an, ich brauche eine Herz-Lungen-Massage!)
Virus:
Zurück zum Thema Science-Fiction und Fantasy. Wer hat sie beeinflusst?
F. Paul Wilson:
In keiner bestimmten Reihenfolge: H.P. Lovecraft, Richard Matheson, Ray Bradbury, Sax Rohmer, William Blatty, Robert Heinlein, Victor Hugo, Robert B. Parker, Poul Anderson, Raymond Chandler, Larry Niven, Charles Dickens, Fred Pohl, C.M. Kornbluth, Henry Kuttner, und viele andere, die mir im Moment entfallen sind. Natürlich sollten auch EC Comics, Captain Video, The Shadow, King Kong und die alte Flash-Gordon-Serie nicht unerwähnt bleiben.
Virus:
Und abseits des Genres? Wen lesen sie?
F. Paul Wilson:
James Ellroys AMERICAN TABLOID ist unverschämt gut! Außerdem lese ich alles von Jeffrey Deaver, weil es ihm stets aufs Neue gelingt, mich zu überraschen. Steven Hunter, weil ich seine Waffen und seine stoischen Figuren mag – und Carl Hiaasen, weil er immer witzig ist.
Virus:
Für wen schreiben Sie? Für sich selbst oder für andere?
F. Paul Wilson:
Sowohl als auch. Ich schreibe Dinge, die ich selbst gerne lesen würde, aber es gefällt mir auch, von anderen Menschen gelesen zu werden. Ich bin keiner dieser arroganten Schnösel, die von sich behaupten, dass sie nur für sich selbst schreiben würden. Toni Morrison zum Beispiel hat mal gesagt, dass sie stolz darauf ist, dass sich ihre Leser regelrecht durch ihre Werke hindurchkämpfen müssen. Das ist Bullshit! Wenn sich deine Leser das Hirn zermartern müssen, um herauszufinden, was du ihnen mitteilen willst, dann hast du versagt, Mädchen. Der Sinn des Schreibens ist schließlich die Kommunikation. Ich fühle mich der Arbeitsmoral der Geschichten-Erzähler verpflichtet: Beseitige alle Hindernisse zwischen dem Leser und der Story. Nur zu oft stellt dabei der Schreiber selbst das größte Hindernis dar. Ich möchte den Leser mit meinen Geschichten ergreifen, um ihm ein Gefühl zu entlocken: Verwunderung, Angst, Freude, Gelächter, Tränen. Daher ist der Leser in meinem Kopf allgegenwärtig. Wie kann ich ihn dazu bewegen, auf die eine oder andere Art zu reagieren? Ich will alles, nur nicht, dass der Leser das Buch schließt oder – schlimmer noch – gegen die Wand wirft. Muss der Leser einen Absatz oder auch nur einen Satz erneut lesen, reißt ihn das aus der Geschichte. Ich will nicht, dass der Leser auch nur eine Nanosekunde aus der Geschichte gerissen wird. Ich möchte ihn stets in meinem Bann behalten und ihn nicht durch etwas ablenken, was Seinbeck »hoopdedoodle« nannte. Man muss es wie folgt betrachten: Hat ein Leser Probleme damit, verstehen zu können, was ich ihm sagen möchte, dann ist es vermutlich sein Problem. Gibt es aber eine ganze Reihe von Lesern mit dem gleichen Problem, dann ist es höchst wahrscheinlich mein Problem. Dann ist es mir nicht gelungen, die Geschichte zu erzählen. Mea culpa.
Das Interview führte Thomas Höller
- Der ADVERSARY-ZYKLUS umfasst die Bände:
- THE KEEP (Das Kastell)
- THE TOMB (Die Gruft)
- THE TOUCH (Die Gabe)
- REBORN
- REPRISAL
- NIGHTWORLD
Nähere Infos zu F. PAUL WILSON finden sich unter www.repairmanjack.com.
Seine deutschen Verlage finden sich im Internet unter www.festa-verlag.de und www.randomhouse.de/blanvalet.

