Interview mit Frank Festa

Ein Faible für Horror
Der Verleger Frank Festa über das Grauen
von Felix Darwin (amazon.de)

Frank Festa hat Anfang April dieses Jahres einen eigenen Verlag gegründet, der sich ausschließlich der fantastischen Literatur widmet. Nach US-amerikanischem Vorbild erscheinen dort Bücher in kleinen Auflagen, in ansprechenden Paperback-Ausgaben und schön gemachten Hardcover-Bänden. Kennern der Szene ist er bereits als Herausgeber der Edition Metzengerstein und Programmleiter des BLITZ-Verlages ein Begriff. Er lebt zurückgezogen mit seiner Familie im Westerwald, wo er sich auch um sämtliche Verlagsarbeiten vom Lektorat über den Satz bis hin zum Versand kümmert. Amazon.de sprach mit ihm über die Grauen erregenden Seiten des Literatur-Lebens.


Amazon.de:
Woher stammt Frank Festa und was hat er gemacht, bevor er erstmals beschloss, Bücher herauszugeben?

Frank Festa:
Geboren bin ich in den ersten Wochen des Jahres 1966 in Düsseldorf. Mein Vater war Italiener, meine Mutter Deutsche, beide entstammen der Arbeiterklasse. Es hat mich immer zum Lesen und Schreiben getrieben, aber die Umwelt formt bekanntlich das Kind, und in meiner Welt fand sich leider kein Weg, um einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen. Niemand kümmerte sich um meine Zukunft, niemand förderte mich. So lebte ich ungefähr 20 Jahre in einer Art geistigem Dämmerzustand vor mich hin und las eine Unmenge von Büchern.

Mit 16 begann ich eine Lehre zum KFZ-Mechaniker, obwohl mich Motoren und Autos nicht die Bohne interessieren; irgendwie ging es mir wie einer Gestalt aus Kafkas Erzählungen: Ins Leben geworfen, ohne irgendwo einen Sinn zu sehen. Nach der Lehrzeit sprang ich von einem Fabrikjob zum nächsten, trieb mich ein Jahr lang in Italien herum, kehrte nach Deutschland zurück und lernte 1989 meine Frau Inge kennen. Inzwischen haben wir zwei Kinder.

Mitte 1996 fragte ich Inge, was sie von der Idee halten würde, einen Kleinverlag zu gründen. Sie winkte nicht ab wie sonst, wenn ich mit solchen Ideen liebäugelte, sondern sagte, das sei die beste Idee meines Lebens. Wir sahen uns lange und etwas irritiert an - daran erinnere ich mich noch genau, denn ihre Reaktion war wirklich untypisch. Also überlegte ich mir einen Namen für den Verlag: Edition Metzengerstein, nach Edgar Allan Poes erster veröffentlichter Kurzgeschichte. Drei Jahre später bin ich als Programmleiter beim BLITZ-Verlag eingestiegen, wo ich nach etwa 15 Monaten kündigte, um den FESTA Verlag zu gründen. Das war im April 2001.

Amazon.de:
Wieso lesen Menschen Horror-Literatur? Es gibt doch angenehmere Dinge, sich die Zeit zu vertreiben ... Lässt diese sich überhaupt definieren?

Frank Festa:
Was ist Horror-Literatur? Eine gute Frage. Jeder wird etwas anderes darauf antworten, und deshalb ist es auch so schwer, hier eine klare Aussage zu machen -- und ich werde mich hüten, mich jetzt an einer Definition zu versuchen, denn sie kann nur zum Angriff herausfordern. Einfacher ist es darauf zu antworten, warum Menschen solche Literatur mögen. Weil es schrecklichen Spaß macht, Angst zu haben! Angst weckt Emotionen in uns und reißt uns aus unserem stillen Alltagstrott. So wie wir im Gefühl des Verliebtseins schwelgen können oder dem der Melancholie, so genießen wir auch die Furcht.

Amazon.de:
Die ›Edition Metzengerstein‹ als Wohnzimmerverlag ist in Szenekreisen fast schon eine Legende. Wie wird man vom Fan zum Verleger?

Frank Festa:
Ganz einfach: Man stellt ein Buch her -- mein erstes war Hippokratische Gesichter von Malte S. Sembten, und dann macht man noch ein paar mehr. Bei mir geschah es aus Freude am Buch und der Literatur, und das dürfte der anständigste Grund sein. Wie sich dann alles weiterentwickelt, darauf hat man wenig Einfluss, man muss allerdings alles geben und sehr viel arbeiten.

Amazon.de:
Die ersten Bücher des Festa Verlags haben ein eigenwilliges Format und überzeugen durch ihr gefälliges Design. Sind Sie dafür alleine zuständig, arbeiten Sie mit einem Titelbildgestalter zusammen?

Frank Festa:
Ich arbeite mit einigen Leuten zusammen, am engsten jedoch mit Hanno Mosoiu (alias Babba Ramm Dass), der ganz auf meiner Wellenlänge liegt. Manchmal, aber eher selten, kaufe ich ein fertiges Titelbild ein, weil es mir gefällt, meistens arbeite ich mit und sage den Titelbildgestaltern genau, was ich mir vorstelle.

Amazon.de:
Als Horror-Verlag sind Sie fast allein auf weiter Flur. Wie kommt es, dass sich andere Kleinverlage fast ausschließlich auf den Nachdruck von Heftserien beschränken und die großen Häuser auf King, Koontz und Rice?

Frank Festa:
Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich trauen sich die kleinen Verlage nicht an die Agenturen heran, scheuen die Übersetzungskosten und die anfallenden Arbeiten, so druckt man einfach ältere Heftromane nach. Diese Erfahrung machte ich ja beim BLITZ-Verlag. Die großen Verlage setzen auf Nummer sicher, also bekannte Namen, kein Risiko, Stromlinie fahren...

Amazon.de:
Allenthalben wird der Untergang des gedruckten Buches wie der Teufel an die Wand gemalt. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Frank Festa:
Den Untergang des gedruckten Buches halte ich für sehr unwahrscheinlich. Trotz eines Rückgangs an Lesern -- das liegt an den Entwicklungen im kulturellen und sozialen Bereich, wir nähern uns nun mal "modernsten Zeiten", das ist ganz normal --, werden immer noch viele, viele Bücher verkauft. Eine Bestätigung ist ja dieses Interview, das ich für Amazon.de gebe, ein riesiges Unternehmen, das überwiegend vom Verkauf von Büchern lebt. Durch das Internet, und damit durch den von den Büchermachern oft verdammten Computer, der angeblich die Kunden fortlockt, hat sich für die Verlagsindustrie ein beachtlicher Vertriebszweig gebildet, der gerade für kleine Verlage wie Festa äußert wichtig geworden ist.

Amazon.de:
Daran knüpft meine nächste Frage an: Bei Amazon.de finden sich die Bücher Ihres Verlages oft auf den höheren Verkaufsrängen. Wie sieht das im klassischen Buchhandel aus? Oder wie bringen Sie Ihre Produkte sonst an den Mann?

Frank Festa:
Ein Großteil der Leser bezieht unser Programm über Comic-Shops und über Mail-Order. Der Kundenstamm wird immer größer, und das durch Mundpropaganda, was mich sehr freut. Ein so junger Verlag wie Festa arbeitet natürlich beständig am Aufbau neuer Vertriebswege. Noch findet der Kunde Festa-Bücher selten in den Regalen der Buchhandlungen, doch man entdeckt auch dort unser Programm; unsere Präsenz im Buchhandel wächst beständig.

Amazon.de:
Wie trifft der Verleger Festa seine Auswahl? Wie sehr richtet er sich dabei nach seinen eigenen Vorlieben, wie kräftig schielt er auf Verkaufszahlen?

Frank Festa:
Das ist unterschiedlich. Ein schwieriger literarischer Autor wie Thomas Ligotti, der zu Recht als Kafka der Fantastik bezeichnet wird, verkauft sich natürlich nicht so gut wie etwa die grellen, spannenden Vampir-Abenteuer, die sich Brian Lumley ausdenkt. Ich betreibe einen Balanceakt: Gute Verkaufszahlen halten den Verlag am Leben, also muss ich Material anbieten, von dem ich hoffe, dass es viele Leser findet. Andererseits möchte und kann ich nicht meine Identität aufgeben, also wähle ich zwischendurch Titel aus, die mir am Herzen liegen, wie etwa Ligotti oder Fred Chappells Roman Dagon. Ideal ist es, wenn sich beide Anliegen ergänzen; dies ist zum Beispiel der Fall bei Lovedeath von Dan Simmons -- gute Literatur, die sogar gefragt ist.

Amazon.de:
Wie geht es weiter im Festa Verlag? Neben den bereits laufenden Reihen haben Sie auch neue Projekte angekündigt. Werden Sie sich ganz auf Horror konzentrieren?

Frank Festa:
Der Verlag wird sich natürlich weiterhin besonders stark der Dark Fiction widmen. So erscheint 2002 etwa die vierbändige Dreamlands-Saga von Necroscope-Autor Brian Lumley; dort mischt Lumley Elemente aus dem Lovecraft-Universum mit Ideen aus der Fantasy. Es werden auch mehr Romane über Vampire erscheinen. In den Genres Science Fiction und Fantasy werden ebenfalls Reihen gestartet, doch da steckt noch alles in der Planung, bzw. verhandeln wir noch mit den Agenturen, wie im Fall von Robert E. Howard (Conan der Barbar), dessen gewaltige Fantasy-Abenteuer in einer Reihe mit dem Titel Robert E. Howards Heldenchroniken erscheinen werden. Schwert & Magie vom Feinsten!

Amazon.de:
Wie sehen Sie die deutschsprachige Horror-Szene im internationalen Vergleich?

Frank Festa:
Gar nicht, denn es existiert keine -- oder sagen wir: so gut wie keine. Die wenigen Autoren, die gute Leistungen bringen, kann man an einer Hand abzählen: Malte S. Sembten, Michael Siefener, Eddie M. Angerhuber, Dario Vandis, Michael Marrak ... Aber können die sich mit den internationalen Autoren messen? Nein, leider nicht. Den deutschen Autoren fehlt der "drive", der "speed", der gerade die Amerikaner auszeichnet. Übrigens ist die britische Horror-Szene der deutschen sehr ähnlich, die Texte sind introvertiert, statisch, es werden kaum Romane geschrieben, dafür viele Kurzgeschichten, die allerdings oft sehr beachtlich sind.

Amazon.de:
Profitiert der Buchmarkt von der Vorliebe breiter Kreise für Horror-Filme?

Frank Festa:
Darüber denke ich oft nach. Man sollte annehmen, dass es so ist, in Zeiten, in denen Gruselserien à la Buffy im Fernsehen beliebt sind wie nie zuvor, und im Kino ein Dark-Fiction-Boom zu beobachten ist. Auch der PC-Spiele-Markt erlebt gerade eine Horrorwelle. Merkwürdigerweise scheint es nicht so zu sein, dass sich dies auf die Absätze der Buchverlage auswirkt. Dies haben auch Umfragen in den USA gezeigt: Leute, die ins Kino gehen oder ihre Lust an der Angst am Computer abreagieren, sind scheinbar keine Buchleser. Das bedauert keiner mehr als ich!

Amazon.de:
Finden Sie unabhängig von der Verlagsarbeit noch Zeit für Bücher? Können Sie uns Frank Festas zehn Lieblingsbücher nennen?

Frank Festa:
Sehr, sehr wenig, leider. Meine zehn Lieblingsbücher sind: Paul Auster: Mond über Manhattan; Edgar Allan Poes Gesamtwerk; Herman Hesse: Unterm Rad und sein Steppenwolf; Peter Straub: Koko; Joris-Karl Huysman: Gegen den Strich; Henry Miller: Der klimatisierte Alptraum; Julio Cortazars Gesamtwerk, aber besonders Rayuela Himmel und Hölle; H. P. Lovecraft: Berge des Wahnsinns; Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken.

Amazon.de:
Herr Festa, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Felix Darwin ist freier Journalist, Übersetzer und SF-Herausgeber und lebt in Berlin

 
 
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