Interview mit S. T. Joshi
Sunand Tryambak Joshi wurde 1958 in Poona (Indien) geboren und kam 1963 mit seiner Famile in die USA.
Schon früh entwickelte er ein Faible für Fantasy- und Detektivgeschichten.
Ab 1979 zeichnete er als Herausgeber für das wichtigste literaturwissenschaftliche Lovecraft-Magazin,
die Lovecraft Studies der Necronomicon Press, verantwortlich; 1980 veröffentlichte er das vielbeachtete
Buch H. P. Lovecraft: Four Decades of Criticism.
Seither hat er hunderte von Rezensionen, Aufsätzen und Bücher über Lovecraft und andere Themen der unheimlichen Literatur verfasst und herausgegeben. S. T. Joshi gilt als einer der weltweit besten Kenner der phantastischen Literatur und als die größte Koriphäe über Lovecraft. 1996 erschien seine monumentale, 500.000 Wörter umfassende Biographie Lovecraft – A Life; zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehört die in Zusammenarbeit mit David E. Schultz herausgegebene "Autobiographie" Lovecrafts in Briefen, eine Zusammenstellung von Briefäußerungen HPLs, die chronologisch dessen Leben erzählt (Lord of a Visible World, an Autobiography in Letters, Ohio University Press 2000).
Eine ausführliche Biographie und Bibliographie S. T. Joshis – leider nur auf dem Stand von 1996 – bietet das Internet unter: www.necropress.com/stjoshi/
Im Juni 2001 veröffentlichte der Festa-Verlag Joshis Buch Moderne Horrorautoren. Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von unbestechlichen und unterhaltsam geschriebenen Bewertungen des Werks einiger der bekanntesten angloamerikanichen Horror-Schriftsteller unserer Zeit.
Anläßlich seines Deutschland-Debüts stellte die Midnight-Mail-Redaktion dem Meister zehn drängende Fragen:
Midnight Mail:
Sie veröffentlichten Ihr erstes Buch über H. P. Lovecraft im Alter von 22 Jahren. Wann lasen Sie Ihre erste Lovecraft-Story – und welche war es?
Sunand Tryambak Joshi:
Die erste Lovecraft-Story, die ich las, war wohl "The Dunwich Horror", aus einer Sammlung mit Horrorgeschichten "für Jugendliche" – Eleven Great Horror Stories (1969) von Betty Owen. Das dürfte um 1971 herum gewesen sein, als ich dreizehn Jahre alt war.
Midnight Mail:
Was ging während der Lektüre in Ihnen vor? War es "Liebe auf den ersten Blick"?
Sunand Tryambak Joshi:
Seltsam, aber ich habe keine konkrete Erinnerung an meine Eindrücke während meiner ersten Lektüre von "The Dunwich Horror". Und als ich mich 1972 an At the Mountains of Madness versuchte, fand ich mich durch die Wissenschaftlichkeit dieses Romans derart eingeschüchtert, daß ich es nicht schaffte, ihn zu Ende zu lesen. Ich hatte das Gefühl, das er mir "zu hoch" war – daß ich nicht intelligent genug war, ihn zu verstehen. Einige Monate später nahm ich mir allerdings die Lovecraft-Storysammlung The Dunwich Horror and Others (Arkham House, 1963) vor. Obwohl mich die ersten beiden Geschichten ("In the Vault" und "Pickman’s Model") enttäuschten, packte mich "The Rats in the Walls" – und ich wurde zum lebenslangen Lovecraft-Verehrer!
Midnight Mail:
In Moderne Horrorautoren fällt Ihr literarisches Urteil ausgerechnet über einige der erfolgreichsten Autoren des Genres – etwa Stephen King, Peter Straub, Clive Barker – überraschend abfällig aus. Nun haben diese Leute eine immense, oft recht fanatische Anhängerschaft. Gab es einen Aufschrei der Empörung?
Sunand Tryambak Joshi:
Mein Kapitel über Stephen King erschien in einem britischen Magazin, Million, und verursachte enormen Wirbel. Diverse King-Fans schrieben Leserbriefe, in denen sie King verteidigten und mich angriffen. Ich schrieb verschiedene Widerlegungen, und die Auseinandersetzung zog sich über Monate hin. Ich frage mich, ob Stephen King diesen Artikel mal gelesen hat …
Midnight Mail:
Ihre jetzt in Moderne Horrorautoren zusammengefaßten Essyas erschienen verstreut in diversen Magazinen bereits 1991. Seither haben King & Co jede Menge neue Buchseiten geschrieben und veröffentlicht. Verdienen ihre jüngeren Werke in Ihren Augen eine günstigere Beurteilung?
Sunand Tryambak Joshi:
Leider muß ich sagen, daß ich wenig geneigt war, die neueren Werke von King, Barker und Anne Rice zu lesen. Deren Romane scheinen mittlerweile sogar noch schwülstiger, inhaltsloser und nichtssagender zu sein. Diese Autoren sind zu "Markenzeichen" geworden, und die Leser kaufen ihre Bücher nicht deshalb, weil es gute Bücher sind, sondern weil ihre Namen auf den Umschlägen stehen. Thomas Harris’ lang erwarteter neuer Roman, Hannibal (1999; dt. Hannibal), war einfach grauenhaft! Deshalb scheint es – vom Werk Ramsey Campbells (dessen The House on Nazareth Hill von 1996 sein vielleicht bester Roman ist) und einiger anderer abgesehen – nicht sehr viel Hoffnung für das moderne Horrorgenre zu geben.
Midnight Mail:
Was halten Sie von Peter Straubs Lovecraftianischem Roman Mr. X (dt. Mister X) aus dem Jahr 1999?
Sunand Tryambak Joshi:
Mr. X hat mich enttäuscht. Straubs Schreibweise unterscheidet sich sehr von der Lovecrafts, und ich halte es für einen Fehler Straubs, sich an einer Nachahmung zu versuchen. Ihre Stile passen nicht zueinander. Straub hat überdies die schlimme Angewohnheit, ausufernd und wortreich zu schreiben – eine Eigenschaft, die vor allem seine äußerst dürftige Storysammlung Magic Terror (2000) auszeichnet.
Midnight Mail:
Ihre Favoriten unter den zeitgenössischen Horrorautoren sind Ramsey Campbell und Thomas Ligotti. Keiner von diesen beiden verkauft auch nur einen Bruchteil der Bücher, die King, Straub oder Barker unters Volk bringen. Haben Sie den Eindruck, daß Kritiker generell einen anderen literarischen Geschmack haben als der "gemeine Leser"?
Sunand Tryambak Joshi:
Das altbekannte Sprichwort "Jeder Leser ist ein Kritiker" ist völlig verkehrt: Tatsächlich sind sehr wenige Menschen (hauptberufliche Kritiker eingeschlossen) Kritiker – sehr wenige Menschen besitzen den Geschmack und die Urteilsfähigkeit, um Literatur von Lohnschreiberei zu unterscheiden. Die deutliche Mehrzahl unter den Menschen ist unfähig, ein Werk nach seinen literarischen Verdiensten zu beurteilen, weil sie keine Übung darin haben und weil ihnen überdies der nötige ästhetische Geschmack abgeht. Das intellektuelle und ästhetische Niveau des durchschnittlichen Lesers – vor allem in den Vereinigten Staaten – ist abgrundtief niedrig. Und heutzutage gibt es genügend Kritiker, die bereit sind, sich den Durchschnittslesern anzubiedern – weshalb wir Kritiker haben, die King und Konsorten dafür loben, "populär" und "zugänglich" zu schreiben, so als wären dies die höchsten Ziele, nach denen Literatur streben kann.
Midnight Mail:
Richten sich Bücher wie Moderne Horrorautoren vor allem an Literaturwissenschaftler – oder können sie auch den Geschmack der "gewöhnlichen Leser" beinflussen?
Sunand Tryambak Joshi:
Ich bezweifle stark, daß irgendetwas, das ich äußere, eine Wirkung auf "gewöhnliche Leser" ausübt, außer daß es ihnen vorübergehendes Mißbehagen bereitet, weil sie sich von mir verletzt fühlen. Solche Leser schenken akademischen Kritikern keine Aufmerksamkeit und wissen in der Regel überhaupt nicht, daß ihre bevorzugten Autoren bei diesen nicht sehr hoch im Kurs stehen, noch kümmert es sie. Doch sind die Ansichten "gewöhnlicher Leser" ohne Bedeutung.
Midnight Mail:
Die neuere nicht-britische Tradition der Phantastik in Europa – z.B. aus Polen, Frankreich oder Deutschland – scheint in den USA ziemlich unbekannt zu sein. In Zusammenhang mit Deutschland sind höchstens die "Gothic Tradition" und E.T.A. Hoffmann ein Begriff, unter den Phantasten des 20. Jahrhunderts gerade mal Gustav Meyrink oder Hanns Heinz Ewers – vielleicht auch, weil Lovecraft sie in "Supernatural Horror" erwähnt. Woher rührt diese Unkenntnis – die ja vielleicht auch Desinteresse ist?
Sunand Tryambak Joshi:
Es ist gewiß unglücklich, daß die europäische Tradition der Horror/Fantasy-Literatur bei englischsprechenden Lesern so wenig bekannt ist; man kann es schlicht auf die Faulheit sowohl der Leser als auch der Kritiker zurückführen, von denen die meisten keine Fremdsprache beherrschen und selbst dann nicht versuchen, diese Literatur für sich zu entdecken, wenn sie in englischen Übersetzungen vorliegt. Allerdings muß ich auch sagen, daß ein bestimmter Teil dieser Literatur eher zum Grotesken hinneigt als zum reinen Horror. Ich hoffe, eines Tages die Werke von Gautier, Erckmann-Chatrian und anderen europäischer Autoren, die dessen wert sind, in Neuauflagen zugänglich zu machen.
Midnight Mail:
Gibt es junge Talente in der zeitgenössischen Horrorliteratur, die Sie für vielversprechend halten?
Sunand Tryambak Joshi:
Ich hielt Kathe Kojas ersten Roman The Cipher von 1991 (dt. Schwarzer Abgrund, 1992) für sehr eigenständig und innovativ, aber ihre folgenden Arbeiten scheinen nicht mehr an ihn heranzureichen. Ich bin nicht besonders angetan vom Werk Poppy Z. Brites, aber sie hat immerhin einige wenige gute Kurzgeschichten verfasst. Norman Partridge hat einige herausragende Kurzgeschichten und einen ausgezeichneten Roman geschrieben, Slippin’ into Darkness (1994); meiner Überzeugung nach wird er in Zukunft noch viel leisten. Ich bedaure, zugeben zu müssen, daß ich mich nicht sehr bemühe, über neue Werke auf dem Laufenden zu bleiben; überhaupt scheint der "Horrorboom" in den Vereinigten Staaten und England abgeflaut zu sein, und ich sehe keine frischen oder schwungvollen Autoren im Kommen.
Midnight Mail:
Sie haben eine große Zahl von Büchern mit unheimlicher Literatur herausgegeben, und noch mehr sekundärwissenschaftliche Werke zum Thema verfasst. Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Sunand Tryambak Joshi:
Ich beginne dem Horrorgenre in mancher Hinsicht untreu zu werden; mein aktuelles Hauptinteresse gilt dem Essayisten und Kritiker H. L. Mencken. Ich habe verschiedene Ausgaben mit Werken von Ambrose Bierce vorbereitet, obwohl ich seine journalistischen Arbeiten inzwischen sogar noch interessanter finde als seine Horrorgeschichten. Meine Beschäftigung mit Bierce, Lovecraft und Mencken hat zu einer interessanten Wende in meinem eigenen Schaffen geführt – auf religiöses Gebiet. Diese Schriftsteller waren allesamt Atheisten oder Agnostiker, und ich selbst bin entschiedener Atheist. Meine Anthologie Atheism: A Reader (Prometheus Books, 2000) hat sich gut verkauft, und gegenwärtig arbeite ich an einer Streitschrift über Religion mit dem Titel God’s Defenders: What They Believe and Why They Are Wrong. Ich hoffe, in Zukunft mehr über politische, religiöse und kulturelle Themen arbeiten zu können. Aber ich werde auch auf dem Gebiet des Horrors weitermachen. 2002 werde ich eine Auswahl von Horrorgeschichten Algernon Blackwoods herausbringen, und ich hoffe, bei Dover Publications weitere "Klassiker" wiederveröffentlichen zu können. Zukünftig sehe ich mich auf vielen unterschiedlichen Feldern tätig, ganz wie es mir gefällt.
Midnight Mail:
Viel Spaß und Erfolg dabei!
Seither hat er hunderte von Rezensionen, Aufsätzen und Bücher über Lovecraft und andere Themen der unheimlichen Literatur verfasst und herausgegeben. S. T. Joshi gilt als einer der weltweit besten Kenner der phantastischen Literatur und als die größte Koriphäe über Lovecraft. 1996 erschien seine monumentale, 500.000 Wörter umfassende Biographie Lovecraft – A Life; zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehört die in Zusammenarbeit mit David E. Schultz herausgegebene "Autobiographie" Lovecrafts in Briefen, eine Zusammenstellung von Briefäußerungen HPLs, die chronologisch dessen Leben erzählt (Lord of a Visible World, an Autobiography in Letters, Ohio University Press 2000).
Eine ausführliche Biographie und Bibliographie S. T. Joshis – leider nur auf dem Stand von 1996 – bietet das Internet unter: www.necropress.com/stjoshi/
Im Juni 2001 veröffentlichte der Festa-Verlag Joshis Buch Moderne Horrorautoren. Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von unbestechlichen und unterhaltsam geschriebenen Bewertungen des Werks einiger der bekanntesten angloamerikanichen Horror-Schriftsteller unserer Zeit.
Anläßlich seines Deutschland-Debüts stellte die Midnight-Mail-Redaktion dem Meister zehn drängende Fragen:
Midnight Mail:
Sie veröffentlichten Ihr erstes Buch über H. P. Lovecraft im Alter von 22 Jahren. Wann lasen Sie Ihre erste Lovecraft-Story – und welche war es?
Sunand Tryambak Joshi:
Die erste Lovecraft-Story, die ich las, war wohl "The Dunwich Horror", aus einer Sammlung mit Horrorgeschichten "für Jugendliche" – Eleven Great Horror Stories (1969) von Betty Owen. Das dürfte um 1971 herum gewesen sein, als ich dreizehn Jahre alt war.
Midnight Mail:
Was ging während der Lektüre in Ihnen vor? War es "Liebe auf den ersten Blick"?
Sunand Tryambak Joshi:
Seltsam, aber ich habe keine konkrete Erinnerung an meine Eindrücke während meiner ersten Lektüre von "The Dunwich Horror". Und als ich mich 1972 an At the Mountains of Madness versuchte, fand ich mich durch die Wissenschaftlichkeit dieses Romans derart eingeschüchtert, daß ich es nicht schaffte, ihn zu Ende zu lesen. Ich hatte das Gefühl, das er mir "zu hoch" war – daß ich nicht intelligent genug war, ihn zu verstehen. Einige Monate später nahm ich mir allerdings die Lovecraft-Storysammlung The Dunwich Horror and Others (Arkham House, 1963) vor. Obwohl mich die ersten beiden Geschichten ("In the Vault" und "Pickman’s Model") enttäuschten, packte mich "The Rats in the Walls" – und ich wurde zum lebenslangen Lovecraft-Verehrer!
Midnight Mail:
In Moderne Horrorautoren fällt Ihr literarisches Urteil ausgerechnet über einige der erfolgreichsten Autoren des Genres – etwa Stephen King, Peter Straub, Clive Barker – überraschend abfällig aus. Nun haben diese Leute eine immense, oft recht fanatische Anhängerschaft. Gab es einen Aufschrei der Empörung?
Sunand Tryambak Joshi:
Mein Kapitel über Stephen King erschien in einem britischen Magazin, Million, und verursachte enormen Wirbel. Diverse King-Fans schrieben Leserbriefe, in denen sie King verteidigten und mich angriffen. Ich schrieb verschiedene Widerlegungen, und die Auseinandersetzung zog sich über Monate hin. Ich frage mich, ob Stephen King diesen Artikel mal gelesen hat …
Midnight Mail:
Ihre jetzt in Moderne Horrorautoren zusammengefaßten Essyas erschienen verstreut in diversen Magazinen bereits 1991. Seither haben King & Co jede Menge neue Buchseiten geschrieben und veröffentlicht. Verdienen ihre jüngeren Werke in Ihren Augen eine günstigere Beurteilung?
Sunand Tryambak Joshi:
Leider muß ich sagen, daß ich wenig geneigt war, die neueren Werke von King, Barker und Anne Rice zu lesen. Deren Romane scheinen mittlerweile sogar noch schwülstiger, inhaltsloser und nichtssagender zu sein. Diese Autoren sind zu "Markenzeichen" geworden, und die Leser kaufen ihre Bücher nicht deshalb, weil es gute Bücher sind, sondern weil ihre Namen auf den Umschlägen stehen. Thomas Harris’ lang erwarteter neuer Roman, Hannibal (1999; dt. Hannibal), war einfach grauenhaft! Deshalb scheint es – vom Werk Ramsey Campbells (dessen The House on Nazareth Hill von 1996 sein vielleicht bester Roman ist) und einiger anderer abgesehen – nicht sehr viel Hoffnung für das moderne Horrorgenre zu geben.
Midnight Mail:
Was halten Sie von Peter Straubs Lovecraftianischem Roman Mr. X (dt. Mister X) aus dem Jahr 1999?
Sunand Tryambak Joshi:
Mr. X hat mich enttäuscht. Straubs Schreibweise unterscheidet sich sehr von der Lovecrafts, und ich halte es für einen Fehler Straubs, sich an einer Nachahmung zu versuchen. Ihre Stile passen nicht zueinander. Straub hat überdies die schlimme Angewohnheit, ausufernd und wortreich zu schreiben – eine Eigenschaft, die vor allem seine äußerst dürftige Storysammlung Magic Terror (2000) auszeichnet.
Midnight Mail:
Ihre Favoriten unter den zeitgenössischen Horrorautoren sind Ramsey Campbell und Thomas Ligotti. Keiner von diesen beiden verkauft auch nur einen Bruchteil der Bücher, die King, Straub oder Barker unters Volk bringen. Haben Sie den Eindruck, daß Kritiker generell einen anderen literarischen Geschmack haben als der "gemeine Leser"?
Sunand Tryambak Joshi:
Das altbekannte Sprichwort "Jeder Leser ist ein Kritiker" ist völlig verkehrt: Tatsächlich sind sehr wenige Menschen (hauptberufliche Kritiker eingeschlossen) Kritiker – sehr wenige Menschen besitzen den Geschmack und die Urteilsfähigkeit, um Literatur von Lohnschreiberei zu unterscheiden. Die deutliche Mehrzahl unter den Menschen ist unfähig, ein Werk nach seinen literarischen Verdiensten zu beurteilen, weil sie keine Übung darin haben und weil ihnen überdies der nötige ästhetische Geschmack abgeht. Das intellektuelle und ästhetische Niveau des durchschnittlichen Lesers – vor allem in den Vereinigten Staaten – ist abgrundtief niedrig. Und heutzutage gibt es genügend Kritiker, die bereit sind, sich den Durchschnittslesern anzubiedern – weshalb wir Kritiker haben, die King und Konsorten dafür loben, "populär" und "zugänglich" zu schreiben, so als wären dies die höchsten Ziele, nach denen Literatur streben kann.
Midnight Mail:
Richten sich Bücher wie Moderne Horrorautoren vor allem an Literaturwissenschaftler – oder können sie auch den Geschmack der "gewöhnlichen Leser" beinflussen?
Sunand Tryambak Joshi:
Ich bezweifle stark, daß irgendetwas, das ich äußere, eine Wirkung auf "gewöhnliche Leser" ausübt, außer daß es ihnen vorübergehendes Mißbehagen bereitet, weil sie sich von mir verletzt fühlen. Solche Leser schenken akademischen Kritikern keine Aufmerksamkeit und wissen in der Regel überhaupt nicht, daß ihre bevorzugten Autoren bei diesen nicht sehr hoch im Kurs stehen, noch kümmert es sie. Doch sind die Ansichten "gewöhnlicher Leser" ohne Bedeutung.
Midnight Mail:
Die neuere nicht-britische Tradition der Phantastik in Europa – z.B. aus Polen, Frankreich oder Deutschland – scheint in den USA ziemlich unbekannt zu sein. In Zusammenhang mit Deutschland sind höchstens die "Gothic Tradition" und E.T.A. Hoffmann ein Begriff, unter den Phantasten des 20. Jahrhunderts gerade mal Gustav Meyrink oder Hanns Heinz Ewers – vielleicht auch, weil Lovecraft sie in "Supernatural Horror" erwähnt. Woher rührt diese Unkenntnis – die ja vielleicht auch Desinteresse ist?
Sunand Tryambak Joshi:
Es ist gewiß unglücklich, daß die europäische Tradition der Horror/Fantasy-Literatur bei englischsprechenden Lesern so wenig bekannt ist; man kann es schlicht auf die Faulheit sowohl der Leser als auch der Kritiker zurückführen, von denen die meisten keine Fremdsprache beherrschen und selbst dann nicht versuchen, diese Literatur für sich zu entdecken, wenn sie in englischen Übersetzungen vorliegt. Allerdings muß ich auch sagen, daß ein bestimmter Teil dieser Literatur eher zum Grotesken hinneigt als zum reinen Horror. Ich hoffe, eines Tages die Werke von Gautier, Erckmann-Chatrian und anderen europäischer Autoren, die dessen wert sind, in Neuauflagen zugänglich zu machen.
Midnight Mail:
Gibt es junge Talente in der zeitgenössischen Horrorliteratur, die Sie für vielversprechend halten?
Sunand Tryambak Joshi:
Ich hielt Kathe Kojas ersten Roman The Cipher von 1991 (dt. Schwarzer Abgrund, 1992) für sehr eigenständig und innovativ, aber ihre folgenden Arbeiten scheinen nicht mehr an ihn heranzureichen. Ich bin nicht besonders angetan vom Werk Poppy Z. Brites, aber sie hat immerhin einige wenige gute Kurzgeschichten verfasst. Norman Partridge hat einige herausragende Kurzgeschichten und einen ausgezeichneten Roman geschrieben, Slippin’ into Darkness (1994); meiner Überzeugung nach wird er in Zukunft noch viel leisten. Ich bedaure, zugeben zu müssen, daß ich mich nicht sehr bemühe, über neue Werke auf dem Laufenden zu bleiben; überhaupt scheint der "Horrorboom" in den Vereinigten Staaten und England abgeflaut zu sein, und ich sehe keine frischen oder schwungvollen Autoren im Kommen.
Midnight Mail:
Sie haben eine große Zahl von Büchern mit unheimlicher Literatur herausgegeben, und noch mehr sekundärwissenschaftliche Werke zum Thema verfasst. Woran arbeiten Sie zur Zeit?
Sunand Tryambak Joshi:
Ich beginne dem Horrorgenre in mancher Hinsicht untreu zu werden; mein aktuelles Hauptinteresse gilt dem Essayisten und Kritiker H. L. Mencken. Ich habe verschiedene Ausgaben mit Werken von Ambrose Bierce vorbereitet, obwohl ich seine journalistischen Arbeiten inzwischen sogar noch interessanter finde als seine Horrorgeschichten. Meine Beschäftigung mit Bierce, Lovecraft und Mencken hat zu einer interessanten Wende in meinem eigenen Schaffen geführt – auf religiöses Gebiet. Diese Schriftsteller waren allesamt Atheisten oder Agnostiker, und ich selbst bin entschiedener Atheist. Meine Anthologie Atheism: A Reader (Prometheus Books, 2000) hat sich gut verkauft, und gegenwärtig arbeite ich an einer Streitschrift über Religion mit dem Titel God’s Defenders: What They Believe and Why They Are Wrong. Ich hoffe, in Zukunft mehr über politische, religiöse und kulturelle Themen arbeiten zu können. Aber ich werde auch auf dem Gebiet des Horrors weitermachen. 2002 werde ich eine Auswahl von Horrorgeschichten Algernon Blackwoods herausbringen, und ich hoffe, bei Dover Publications weitere "Klassiker" wiederveröffentlichen zu können. Zukünftig sehe ich mich auf vielen unterschiedlichen Feldern tätig, ganz wie es mir gefällt.
Midnight Mail:
Viel Spaß und Erfolg dabei!